Überregulierung und ihre Folgen in der Textilwirtschaft

15.09.26
Überregulierung und ihre Folgen in der Textilwirtschaft - Slider

GOTS, EU-Bio-Verordnung und jetzt auch noch die EmpCo-Richtlinie: Die Anforderungen für den Anbau, die Verarbeitung und Vermarktung von Bio-Baumwolle werden immer weiter verschärft – auch wegen Betrugsfällen bei der Deklaration und Greenwashings bei der Kommunikation. Was bedeutet das für Kleinbauern und mittelständische, mit höchsten Standards arbeitende Textil-Labels wie Cotonea?

– Ein Beitrag von Roland Stelzer, Geschäftsführer Elmer & Zweifel GmbH („Cotonea“)

Gut gemeint, und nicht zu Ende gedacht. Dieses Fazit muss man nach den Erfahrungen mit den verschärften Regularien für GOTS, dem weltweit führenden Standard für Bio-Textilien, und der seit 2022 gelten neuen EU-Bio-Richtlinie 2018/848 ziehen. Denn das bisherige System der Bio-Zertifizierungen und -Kontrollen funktionierte. Jährliche GOTS-Zertifizierungen, GMO-Grenzwerte oder eine lückenlose Dokumentation der gesamten Lieferkette sorgen neben vielen weiteren Anforderungen schon lange für Verlässlichkeit und Sicherheit in der Bio-Textilbranche. Doch wie überall gibt es auch in unserer Branche Schwarze Schafe, sprich Betrüger. Ein immer wieder mal versuchtes Einfallstor für Betruges ist, dass konventionell angebaute Baumwolle mit einem gekauften Biozertifikat versehen wird.  

Abhilfe für solche Täuschungen soll die GOTS-Datenbank und der Farm-Gin Registry schaffen. Durch Transaction Certificates, die mit der GOTS-Datenbank verknüpft sind, sollen Transparenz und Rückverfolgbarkeit erzeugt und Nachhaltigkeitsstandards entlang der gesamten Lieferkette sichergestellt werden. Der große Haken: Wenn mit falschen Angaben gearbeitet wird, geschieht dies meist am Anfang der Lieferkette, d.h. auf der Feldebene. Die Ware entspricht dann nur auf dem Papier den IFOAM-Richtlinien und rutscht mit diesen gefälschten Papieren durch die gesamte Lieferkette. Jetzt müssen auch Bio-Kleinbauern ihre Daten in das digitale Register der Farm Registry eintragen. Der dahinterstehende Gedanke ist grundsätzlich richtig, alleine die Praxis zeigt ein anderes Ergebnis. Denn das neue System funktioniert in der Regel nur bei großen, mit maximaler Effizienz arbeitenden agroindustriellen Betrieben mit entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen, so wie es sie vor allem in den USA und Brasilien gibt.

Ein Drittel des Umsatzes für Kontrolle und Bürokratie

Für zigtausende kleinbäuerliche Baumwollfarmen, vor allem in Asien und Afrika, bedeuten dieselben Regularien eine völlig andere Situation. Sie werden nicht nur mit den neuen GOTS-Anforderungen, sondern zusätzlich mit der reformierten EU-Bio-Verordnung konfrontiert. Diese will durch gleiche Standards für Bio-Importe wie für die in der EU produzierten Bio-Waren mehr Sicherheit und Verlässlichkeit schaffen. Der hieraus entstehende Mehraufwand für zusätzliche Kontrollen gepaart mit mehr Bürokratie führt bei vielen Kooperativen zu einer nicht mehr stemmbaren, weil nicht finanzierbaren Last. Konkret: Wenn jetzt Bauernkooperativen angesichts eines viel zu niedrigen Weltmarktpreises bis zu 35 Prozent ihres erzielbaren Verkaufspreises alleine für Zertifizierungen entrichten müssen, müssen sie abwägen, ob sich für sie überhaupt noch ein Vorteil aus einer Bioprämie ergibt.

Das Ungleichgewicht zwischen niedrigem Weltmarktpreis und hohen Zertifizierungskosten ist freilich kein neues Phänomen. Bislang mussten die nach Bio- und Fair-Trade-Kriterien arbeitenden Kleinbauern ca. 15 Prozent ihrer Kosten für die Zertifizierung kalkulieren. Weil auch dies zu viel ist, hat Cotonea seinen langjährigen Partnerkooperativen in Kirgistan und Uganda für ihre hochwertige Baumwolle einen um rund 25 Prozent über dem Weltmarkt liegenden Preis bezahlt. So hat sich für alle der Handel einigermaßen gelohnt. Mit den noch strengeren Regularien jedoch haben sich die Zertifizierungskosten mehr als verdreifacht. Kaum ein Kleinbauer, kaum eine Kooperative kann sich das leisten.
 
Die Folgen: Weltweit steigen Kleinbauern und deren Baumwoll-Kooperativen aus Standards wie GOTS, Bio und Fairtrade aus. Was dies mittelfristig für den Bio-Baumwollmarkt bedeutet, bleibt abzuwarten. Auch Cotonea ist von dieser Entwicklung nicht verschont, denn auch unsere bewährten Partner in Kirgistan und Uganda lassen sich nicht mehr nach GOTS zertifizieren. So weit, so schlecht.

Höhere Erträge durch Bio

Die gute Nachricht ist: Die meisten unserer bäuerlichen Partner arbeiten auch ohne Zertifizierung nach denselben hohen Standards wie bisher weiter. Warum ist das so? Unsere Partnerkooperativen haben bisher den Mehraufwand für Bio und GOTS nicht aus opportunistischen, sondern aus handfesten Gründen getragen. Sie wurden sehr gut geschult, und haben über viele Jahre hinweg die Bio-Praktiken den örtlichen Gegebenheiten angepasst, Erfahrungen gesammelt und so ihr Bio-Wissen beständig weiterentwickelt. Das Ergebnis: Die Bio-Kooperativen fahren höhere Erträge ein als ihre konventionell arbeitenden Kollegen. Auch sind die auf den Bio-Feldern arbeitenden Menschen keinen Pestizidemissionen ausgesetzt (über den Nutzen für den Boden und die Biodiversität sei an anderer Stelle gesprochen). Die Vorteile einer besseren Gesundheit und eines höheren Einkommens wollen die Kooperativen natürlich nicht aufgeben; sie arbeiten deshalb nach denselben Standards wie bisher weiter, auch ohne Zertifikat.

Wie gehen wir von Cotonea mit dieser Situation um? Wir müssen uns in diesen Tagen teilweise neu orientieren, um gute Lösungen zu finden. Denn auch wenn die Kooperative weiter nach den gleichen Standards arbeitet, ist das nicht mehr durch Zertifikate abgesichert. Weil es eine sinnvolle, verantwortungsvolle Alternative zu Bio-Baumwolle für Cotonea nicht gibt, arbeiten wir an neuen Partnerschaften, die die neuen Anforderungen zur Zertifizierung tragen wollen und können. Derweil werden unsere Vorräte an zertifizierter Bio-Baumwolle in allen Verarbeitungsstufen noch für etwa zwei Jahre reichen, bevor erste Produkte mit der Bio-Baumwolle neuer Partner unsere Kunden erreicht.

Nehmen wir an dieser Stelle den Blick unserer Kunden ein. Für sie waren und sind folgende Fragen zentral: Wo kommt die Baumwolle her, wie wurde sie angebaut, welche Qualität hat sie, wie ökologisch, sozial und gesundheitlich einwandfrei ist die Cotonea Baumwolle, und natürlich, was kostet sie? Hierauf können wir seit über zwanzig Jahren glaubwürdige Antworten geben. Alle unsere Angaben sind überprüfbar und eindeutig. Die relevanten Informationen stehen in jedem Artikelpass. Der Artikelpass ist für unsere Kunden eine Bestätigung ihrer Erwartungen, für uns ist er eine Verpflichtung zur Fortführung unseres Engagements. Seit Gründung der Marke Cotonea im Jahr 2003 arbeiten wir nach klaren Prinzipien: 100 Prozent Bio-Baumwolle, kompromisslose Nachhaltigkeit, Transparenz, Fairness und soziale Verantwortung entlang der ganzen Lieferkette. Mit diesen gelebten Werten haben wir das wertvollste Gut einer Hersteller-Kunden-Beziehung aufgebaut: Vertrauen.

Angesichts der bürokratischen Verschärfungen rund um die Zertifikate ist unsere Herausforderung jetzt, unsere Abläufe und Systeme daran anzupassen, ohne unsere Werte und Prinzipien anzutasten. Daran arbeiten wir. Gleichzeitig appellieren wir an die Verantwortlichen für Standards in der EU und den Organisationen, ein bewährtes, weil funktionierendes System wie das der Bio-Kontrolle nicht unnötig zu verschärfen. Der bisherige Aufwand für die anspruchsvolle Bio-Zertifizierung war aus gutem Grund bereits sehr hoch. Die Bauern müssen exakt geführte wöchentliche Protokolle zu jedem Feld führen, die Auditoren führen Interviews, nehmen Einblick in sämtliche Dokumente, Betriebsstätten und Praktiken, die Zertifizierer nehmen Stichproben vor Ort vor. All das dient einzig und allein dem Ziel, die Regelkonformität der Bio-Betriebe und das in Bio-Betriebe gesetzte Vertrauen zu bestätigen.

Aus der IT kennen wir den Grundsatz „Never touch a running system!“. Das gilt auch für die Bio-Zertifizierung und -Kontrolle. Zusätzliche Vorschriften füttern nur unnötig die Bürokratie – und provozieren den Ausstieg oder den Betrug. Wenn, wie vor einigen Jahren in Indien geschehen, ein gefälschtes indisches IFOAM Zertifikat von einem GOTS-Zertifizierer anerkannt und so 20.000 Tonnen Baumwolle betrügerisch in Umlauf gebracht wurden, dann schafft auch ein Farm Registry keine Abhilfe. Vielmehr hätte das an sich bewährte GOTS-System konsequent gegenüber dem beauftragten Zertifizierer handeln und so ein deutliches Signal setzen müssen.

Mehr Eigenverantwortung wagen

Bei dieser Diskussion um schärfere Regeln kommt aus meiner Sicht ein zentraler Aspekt zu kurz, nämlich die Eigenverantwortung der Textilunternehmen selbst. Dazu gehört die Gestaltung überschaubarer Lieferketten. Nur wer seine Produktions- und Lieferkette genau kennt, bekommt einen echten Einblick, erlangt gestalterischen Einfluss und und ist – positiver Nebeneffekt – hierdurch vor Betrug weitestgehend geschützt. Diese Erfahrung machen wir von Cotonea seit über zwanzig Jahren. Wir achten bewusst auf eine schmale Lieferkette. Wir kennen alle unsere Partner, diese wiederum schätzen die persönliche Ebene der Zusammenarbeit mit Cotonea. Auch schicken wir Stichproben unserer Ware selbst ins Labor und prüfen, ob entsprechend der Richtlinien gearbeitet wurde. Für unsere Kunden ist das gut, denn sie erhalten, was wir ihnen zugesagt haben.

Trotz aller berechtigten Einwände rechnen wir nicht damit, dass die neuen bürokratischen Ungetüme in absehbarer Zeit rückgängig gemacht werden. Und so nehmen wir als Familienunternehmen, wie wir es schon immer erfolgreich getan haben, die Herausforderungen an und die Lösungen selbst in die Hand. Nur so erhält man das Vertrauen seiner Kunden aufrecht. Wir berichten weiter!