Weite Berge so nah – Die Baumwolle der Hochebenen

12.12.25
Die Baumwolle der Hochebene - Slider

Lange Gebirgsketten und hohe Berge prägen einen Großteil von Kirgistan.

Die vielzitierte Seidenstraße führt durchs bergige Kirgistan. Nicht Seide, aber Bio-Baumwolle wird im Westen des Landes mitten in Zentralasien von Farmern einer Kooperative erzeugt, die sich 2004 aufmachte, ihre Landwirtschaft zu ökologisieren.

Пахта [Pachta] – wie Baumwolle in kirgisischer Sprache heißt, hat in der Region und in den Tälern rund um die Stadt Jalal-Abad bis über die Grenze in die endlosen Weiten des benachbarten Usbekistans eine uralte Tradition. Über die Seidenstraße gelangte sie einst nach Europa. Bis heute ist dies der Fall. Hier im Westen von Kirgistan rattern geräuschvoll die Entkörnungsmaschinen, welche die Baumwollfasern von Samen, Blättern und Stängeln trennen. Es sind altgediente Maschinen, die während und nach der Ernte rund um die Uhr im Einsatz sind. Draußen vor der Halle auf dem Gelände türmt sich frisch geerntete Baumwolle in behutsam gestapelten Haufen mit jeweils 150 Tonnen. Der Oktober ist angebrochen. Ständig werden neue Fuhren mit frischer Rohware auf das Geländevorgefahren. Heute liefert ein Farmer sogar knapp eine Tonne frisch geerntete Bio-Baumwolle ab. Jede Anlieferung wird bei der Ankunft gewogen und zugleich einem obligatorischen Test unterzogen, bei dem festgestellt wird, ob die Charge gentechnikfrei ist.

Am Horizont ragt eine mächtige Gebirgskette empor, deren Spitzen von Schnee bedeckt sind. Kühe muhen, Lerchen singen und ein Dutzend Helfer pflücken. Bunte Kopftücher schützen die Erntenden vor der Höhensonne in 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Schnell füllen sich ihre Taschen, die sie um ihre Schultern tragen. Das Essen wird gemeinsam neben dem Feld eingenommen. Eine Bastmatte ist ausgelegt, auf der Brot, Honig, Trockenfrüchte und Tee stehen. Ein geübter Pflücker schafft bis zu 150 Kilogramm pro Tag. Am Abend überreicht der auftraggebende Farmer den Tageslohn, der sofort in die Familienkassen der Erntehelfer fließt und womit die täglichen Ausgaben bezahlt werden.

Herr Suyunbek ist als Bio Baumwoll-Farmer Mitglied der Agricultural Commodity and Service Cooperative (ACSC). Er besitzt selbst eine Ackerfläche und koordiniert in seinem Dorf auch den Anbau von 20 weiteren Bio Baumwoll-Farmern. „Wir hatten früher den Schrank voller Chemikalien“, blickt er selbstkritisch zurück. Der Griff zum Giftschrank ist nun jedoch endgültig vorbei. Dafür rücken Aspekte wie Bodengesundheit, organische Düngung, Fruchtwechsel, biologische Bekämpfung von Schädlingen sowie eine konstante Wasserversorgung in den Vordergrund. Wie wichtig für ihn die Cash-Crop Baumwolle ist, daran lässt Suyunbek keinen Zweifel. „Die Hälfte unseres Betriebseinkommen generieren wird durch Baumwolle“, unterstreicht er.

Farmer Yusupov sitzt zufrieden am Feldrand. Der Vater von vier Kindern bewirtschaftet im Dorf Arkalyk mit seiner Familie 1,5 Hektar, wovon er in diesem Jahr 1,3 Hektar mit Baumwolle bestellt und den Rest mit Mais bepflanzt hat. Neben dem Ackerbau nennt Yusupov 40 Schafe, sechs Kühe, eine kleine Schar Hühner und ein Pferd sein eigen. „Wir sind Ökobauern“, so Yusupov, “wir wollen gesunde Lebensmittel konsumieren, wir wollen in einer gesunden Umwelt leben“. Allerdings macht eine ökologische Arbeitsweise viel Arbeit. „Nicht nur die Ernte kostet viel Lohn, auch die Unkrautbekämpfung mit vier Hackrunden schlagen auf der Kostenseite zu Buche“, sagt er.

Gegründet wurde die Kooperative ACSC 2004 mit finanzieller Unterstützung der schweizerischen Hilfsorganisation Helvetas. Die Absicht war klar definiert: Bio-Baumwolle nach internationalen Standards zu produzieren. Während die ACSC die Umstellung ihrer Mitgliedsbetriebe in den ersten Jahren intensiv begleitete, kam Roland Stelzer, Geschäftsführer von Elmer & Zweifel, im Jahr 2006 zum ersten Mal nach Kirgistan. „Wir entschlossen uns damals relativ rasch, mit den dortigen Bio-Farmern zusammenzuarbeiten“, erinnert sich Stelzer. Trotz ökonomischer und zertifizierungstechnischer Herausforderungen will er mit Cotonea an der deutsch-kirgisischen Bio-Kooperation festhalten.

Inzwischen zählt die ACSC rund 400 Erzeuger, die insgesamt 600 Hektar bewirtschaften. In guten Jahren werden bis zu fünf Tonnen Bio-Baumwolle pro Hektar geerntet. Das Büro der Kooperative ist in Jalal-Abad untergebracht. Herr Kannazarov empfängt uns freundlich. Er ist der Vorsitzende der ACSC Kooperative. Interessanterweise findet die Kooperative in den Reihen der kirgisischen Politik viele Fürsprecher. „Unsere Regierung fördert die ökologische Produktion, ob nun im Bauwesen, in der Energieerzeugung oder in der Landwirtschaft. Vielleicht fließen in Zukunft auch Fördermittel an unsere Kooperative, um unseren Ökologisierungsansatz weiter zu unterstützen, so dass wir weiterwachsen können“, freut sich Kannazarov über Rückendeckung aus dem fernen Bischkek. Allerdings findet man in der rapid wachsenden Hauptstadt bislang noch keine Produkte aus Bio-Baumwolle.

Was noch nicht ist, kann aber noch werden. Genau so wie die im Parlament vor einigen Jahren diskutierte Idee, die Landwirtschaft im ganzen Land per Gesetz zu ökologisieren. Wie in Bhutan. „Eine großartige Idee, aber wir sind in Kirgisistan offenbar noch nicht reif dafür“, sagt Kannazarov. Trotzdem: Wünschen würde er sich diesen Zustand schon jetzt!

Nach einem Reisebericht von Dierk Jensen

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